Wenn alles läuft
und trotzdem zu viel wird
Ulli Trüby
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Du hast dein Leben im Griff. Du gehst deiner Arbeit nach, triffst Entscheidungen, kümmerst dich um das, was ansteht. Du bist verlässlich, organisierst, denkst voraus und bist für andere da.
Von aussen betrachtet gibt es vielleicht gar keinen Grund, warum es dir nicht gut gehen sollte.
Und trotzdem kennst du möglicherweise diese Momente, in denen du denkst: Es ist mir gerade alles zu viel.
Nicht unbedingt, weil etwas Besonderes passiert ist. Es ist eher die Summe vieler kleiner Dinge. Noch eine Aufgabe. Noch eine Nachricht. Noch jemand, der etwas braucht. Noch etwas, woran du denken solltest.
Und obwohl du das alles bewältigen kannst, merkst du irgendwann: Es wird schwer.
Wenn aus „Ich kann" unbemerkt „Ich muss" wird
Gerade wenn du gewohnt bist, Verantwortung zu übernehmen, fällt dir vieles wahrscheinlich gar nicht besonders schwer.
Du kannst organisieren. Du kannst Entscheidungen treffen. Du findest Lösungen. Du behältst den Überblick. Das sind wunderbare Fähigkeiten.
Doch manchmal geschieht etwas ganz leise: Aus dem Wissen „Ich kann das" wird irgendwann ein „Ich muss das auch machen".
Weil es schneller geht, wenn du es selbst erledigst. Weil du niemanden belasten möchtest. Weil du dich verantwortlich fühlst. Oder weil es über viele Jahre selbstverständlich geworden ist.
Und so landet immer mehr bei dir.
Im Beruf funktioniert das vielleicht sogar sehr gut. Dort sind Aufgaben und Verantwortlichkeiten meist klarer definiert. Im privaten Alltag dagegen verschwimmen die Grenzen schnell.
Da sind Familie und Beziehungen, Termine und Verabredungen, Einkäufe und Haushalt. Dazu kommen Nachrichten, auf die man noch antworten wollte, und die vielen kleinen Dinge im Kopf.
Nichts davon ist für sich genommen besonders gross. Aber zusammen kann es schwer werden.
Wenn der Tag vorbei ist, der Kopf aber nicht mitkommt
Vielleicht kennst du auch das: Du sitzt am Abend endlich auf dem Sofa. Jetzt wäre Feierabend.
Doch während dein Körper längst zur Ruhe kommen möchte, läuft dein Kopf weiter.
Was steht morgen an? Habe ich an alles gedacht? Da war doch noch diese Nachricht, auf die ich antworten wollte. Und ich müsste noch …
Äusserlich ist es ruhig, innerlich aber nicht.
Und genau das ist für mich ein wichtiger Unterschied: Ruhe und innerer Frieden sind nicht dasselbe.
Wir können uns Zeit freihalten, einen Abend zu Hause verbringen oder ein Wochenende ohne grosse Termine haben, und trotzdem gedanklich ständig unterwegs sein.
Manchmal nehmen wir diese innere Unruhe erst wahr, wenn es im Aussen stiller wird.
Ich kenne dieses „Ich mache das schon" selbst gut
Auch ich kenne diese Seite von mir.
Lange war es für mich ganz selbstverständlich, Dinge zu übernehmen, mich zu kümmern und Lösungen zu finden. Als Alleinerziehende war das für mich sowieso der Alltag.
Wenn etwas getan werden musste, dachte ich selten: Wer könnte das übernehmen? Viel öfter dachte ich: Ich mache das schon.
Und vieles davon konnte ich auch.
Erst mit der Zeit habe ich gemerkt: Etwas tun zu können bedeutet nicht automatisch, dass ich es auch tun muss.
Heute nehme ich viel bewusster wahr, was sich für mich stimmig anfühlt. Ich frage mich häufiger: Möchte ich das? Gehört das überhaupt zu mir? Oder übernehme ich gerade etwas aus alter Gewohnheit?
Das gelingt mir sicher nicht in jedem Moment. Doch allein dieses Wahrnehmen hat etwas verändert.
Ich muss nicht mehr auf alles sofort reagieren. Ich darf Dinge liegen lassen. Ich darf meine Meinung ändern. Und ich darf feststellen: Manches, das lange zu meinem Leben gehört hat, passt heute nicht mehr zu mir.
Für mich liegt darin inzwischen sehr viel Freiheit und Frieden.
Du musst nicht warten, bis gar nichts mehr geht
Wir neigen dazu, erst dann etwas zu verändern, wenn der Druck gross genug geworden ist.
Solange wir noch funktionieren, scheint doch alles in Ordnung zu sein.
Doch vielleicht braucht es gar keinen grossen Zusammenbruch und auch keinen dramatischen Anlass, um einmal genauer hinzuschauen.
Vielleicht genügt dieses leise Gefühl: So, wie es gerade ist, möchte ich es nicht mehr.
Dein ganzes Leben ist deshalb nicht falsch. Vieles davon passt vielleicht sogar sehr gut.
Und trotzdem darfst du dich fragen: Was macht mein Leben gerade so schwer? Wo übernehme ich etwas, nur weil ich es immer getan habe?
Du musst dabei nicht sofort Antworten finden. Manchmal verändert sich schon etwas, wenn wir uns diese Fragen wieder erlauben.
Vielleicht darf es auch leichter gehen
Leichtigkeit bedeutet für mich nicht, dass es keine Herausforderungen mehr gibt.
Unser Leben wird immer wieder Zeiten kennen, in denen viel los ist, Entscheidungen anstehen oder andere Menschen uns brauchen.
Doch wir müssen deshalb nicht alles tragen.
Vielleicht darf manches liegen bleiben, oder jemand anderes übernimmt es. Ein Nein darf stehen bleiben, ohne dass du es ausführlich erklärst. Und du darfst dich selbst wieder öfter fragen: Passt das, was du gerade tust, noch zu dir?
Das beginnt oft nicht mit einer grossen Veränderung. Es kann ein ganz kleiner Moment im Alltag sein.
Ein kurzes Innehalten, bevor du automatisch Ja sagst. Ein Abend, an dem du etwas bewusst nicht mehr erledigst. Ein Gedanke, den du nicht gleich wieder beiseiteschiebst.
Oder die Erkenntnis: Ich wünsche mir mehr Frieden in meinem Leben. Und zwar jetzt, mitten in diesem Leben, das gerade stattfindet.
Ein kleiner Impuls für dich
Wenn du magst, nimm dir heute einen Moment und frage dich: Was trage ich gerade, obwohl ich es vielleicht gar nicht mehr tragen müsste?
Du brauchst darauf keine schnelle Antwort. Lass die Frage ein wenig bei dir sein.
Manchmal wissen wir längst, was uns schwer geworden ist. Wir haben nur lange nicht mehr hingehört.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues, indem du dir selbst wieder zuhörst, statt dein ganzes Leben zu verändern.
Herzlichst,
Ulli
